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Führung in Krisensituationen: unter permanentem Veränderungsdruck Wie Unternehmen auch in unsicheren Zeiten handlungsfähig bleiben

31.08.2026

Vor wenigen Jahren galten Krisen noch als Ausnahme. Heute erleben viele Unternehmen das Gegenteil. Kaum ist eine Herausforderung bewältigt, folgt die nächste. Geopolitische Konflikte, steigende Energiepreise, volatile Märkte, Fachkräftemangel oder die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz verändern den Führungsalltag nachhaltig. Viele Unternehmen arbeiten längst nicht mehr unter stabilen Rahmenbedingungen, sondern in einem Zustand permanenter Veränderung.

Mit jeder neuen Entwicklung wachsen nicht nur die Anforderungen an Organisationen. Auch die Erwartungen an Führungskräfte verändern sich. Mitarbeitende wünschen sich Orientierung, obwohl vieles ungewiss ist. Sie erwarten Entscheidungen, obwohl Informationen häufig unvollständig sind. Und sie brauchen Zuversicht, ohne dass Probleme beschönigt werden.

„Krisen gehören für viele Unternehmen längst zum Alltag“, sagt Dr. Bernd Wittschier, Gründer der 423 BT Beratung und Training für die Wirtschaft GmbH. „Die Frage ist deshalb nicht, wie sich Unsicherheit vollständig vermeiden lässt. Viel wichtiger ist, wie Führungskräfte ihre Mitarbeitenden durch diese Veränderungen konstruktiv und zielorientiert begleiten. Wer seine Energie darauf verwendet, gegen unveränderbare Gegebenheiten anzukämpfen, verliert Kraft für das, was sich tatsächlich gestalten lässt.“

Die innere Haltung entscheidet

Wie Teams mit Ungewissheit umgehen, hängt wesentlich von der inneren Haltung ihrer Führungskraft ab. Veränderungen lösen selten nur organisatorische Fragen aus. Sie berühren immer auch Menschen. Solche Situationen können Ängste verstärken, Widerstände hervorrufen oder dazu führen, dass Mitarbeitende sich zurückziehen.

In seiner Arbeit als Berater und Coach für Führungskräfteentwicklung beobachtet Wittschier seit vielen Jahren, wie wichtig Klarheit und Verständlichkeit in unsicheren Zeiten sind. „Unsicherheit lässt sich nicht wegführen. Sie lässt sich jedoch so gestalten, dass Menschen handlungsfähig bleiben. Eine Führungskraft, die anderen Orientierung geben will, braucht selbst einen klaren inneren Kompass.“ Nicht jede Entscheidung wird sich im Nachhinein als richtig erweisen. Prioritäten zu setzen und den eingeschlagenen Weg transparent zu erläutern, schafft Vertrauen – auch dann, wenn noch nicht auf jede Frage eine Antwort vorliegt. Schweigen lässt Raum für Gerüchte und Spekulationen. Um Vertrauen zu schaffen, kommt es darauf an, Entscheidungen nachvollziehbar zu erläutern und auch schwierige Entwicklungen offen anzusprechen. Das stärkt die Glaubwürdigkeit einer Führungskraft. „Mitarbeitende erwarten in schwierigen Situationen keine Perfektion“, sagt Wittschier. „Sie möchten verstehen, warum Entscheidungen getroffen werden und welches gemeinsame Ziel dahintersteht. Sinn zu vermitteln stärkt den Zusammenhalt im Team.“

Agilität

In diesem Zusammenhang gewinnt auch Agilität eine neue Bedeutung. Der Begriff wird häufig auf Methoden oder Projektmanagement reduziert. Tatsächlich beginnt agiles Handeln mit einer inneren Haltung. Agiles Handeln heißt, Entscheidungen immer wieder zu überprüfen und an veränderte Ausgangspositionen anzupassen. Das erfordert Offenheit, Lernbereitschaft und den Mut, Gewohntes infrage zu stellen. Wenn Märkte wegbrechen, Energiepreise kurzfristig steigen oder neue Technologien Arbeitsabläufe innerhalb weniger Monate verändern, reicht es nicht aus, an bewährten Routinen festzuhalten. Agilität bedeutet dann, Entwicklungen aufmerksam zu beobachten und den Kurs bei Bedarf anzupassen. Dazu gehört für Wittschier auch, die Erfahrungen der Mitarbeitenden einzubeziehen. Sie erleben Veränderungen häufig unmittelbar im Arbeitsalltag und liefern wichtige Hinweise darauf, wo Anpassungen notwendig werden.

Veränderungen betreffen jedoch nicht nur Arbeitsabläufe und Prozesse. Sie fordern auch die Menschen, die den Wandel mittragen. Neue Entwicklungen kosten Kraft. Sie können verunsichern und den Eindruck entstehen lassen, den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. Führungskräfte sollten deshalb nicht zuerst nach dem suchen, was fehlt, so der Experte weiter. Deutlich hilfreicher sei die Frage: Welche fachlichen und persönlichen Kompetenzen bringt das Team bereits mit? Welche Erfahrungen lassen sich nutzen? Welche Stärken lassen sich weiterentwickeln? Kommunikationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Empathie und Konfliktfähigkeit gewinnen in unsicheren Zeiten zusätzlich an Bedeutung. Aufgabe von Führung ist es, diese Potenziale zu erkennen, gezielt weiterzuentwickeln und Menschen zu ermutigen, Verantwortung zu übernehmen. Daraus wächst Selbstwirksamkeit – die Überzeugung, auch schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen zu können.

„Es gibt kaum etwas Motivierenderes, als einem Menschen Vertrauen zu schenken“,

sagt Wittschier. Vertrauen setzt häufig Potenziale frei, die zuvor kaum sichtbar waren. Wer Verantwortung übertragen bekommt, erlebt, dass ihm etwas zugetraut wird. Das stärkt Motivation, Selbstvertrauen und die Bereitschaft, sich einzubringen. Besonders in Phasen tiefgreifender Veränderungen fragen sich viele Beschäftigte, wie es weitergeht und welchen Beitrag sie künftig leisten können. Eine gemeinsame Perspektive beantwortet die Frage, wofür sich die Anstrengung lohnt. Sie gibt Halt, schafft Identifikation und erleichtert es, Veränderungen mitzutragen. Wo unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen zusammenkommen, entstehen oft bessere Entscheidungen. Denn niemand überblickt komplexe Entwicklungen allein. Der Austausch erweitert den Blick. Er hilft, Entwicklungen frühzeitig einzuordnen und Entscheidungen an neue Voraussetzungen anzupassen.

Veränderungen werden Unternehmen auch künftig begleiten. Gute Führung kann Unsicherheit nicht beseitigen. Sie trägt jedoch entscheidend dazu bei, dass Menschen Vertrauen entwickeln und auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig bleiben. Darin zeigt sich ihre eigentliche Stärke.

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