Machtmissbrauch in Kliniken: Warum Führungskultur und Kommunikation entscheidend sind
08.06.2026
Wer im Krankenhaus arbeitet, trägt Verantwortung – für Patientinnen und Patienten, aber auch für Teams, Kommunikation und Kultur. Umso alarmierender sind die Ergebnisse aktueller Erhebungen des Marburger Bundes (MB) zum Thema Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung im Klinikalltag. Wenn medizinisches Fach- und Pflegepersonal sowie Ärztinnen und Ärzte darüber nachdenken, die stationäre Versorgung zu verlassen, weil sie Machtmissbrauch erleben, geht es längst nicht mehr nur um individuelle Grenzüberschreitungen, sondern um ein strukturelles Problem.
Für Dr. Bernd Wittschier, Gründer, Berater und Coach für Führungskräfteentwicklung bei der 4·2·3 GmbH, zeigen solche Entwicklungen vor allem eines: Organisationen müssen sich stärker mit ihrer Führungskultur auseinandersetzen. „Machtmissbrauch entsteht selten im luftleeren Raum“, sagt Wittschier. „Wo Kommunikation, Reflexion und Fehlerkultur schwierig wachsen, entstehen Strukturen, die Grenzüberschreitungen begünstigen können.“ Gerade im Gesundheitswesen gewinnen Themen wie Organisationsentwicklung, psychologische Sicherheit und professionelle Kommunikationskultur deshalb zunehmend an Bedeutung.
Beim Ärztekongress in Berlin wurden kürzlich aktuelle Zahlen vorgestellt, die die Dimension des Problems verdeutlichen. Demnach berichten viele Betroffene nicht nur von konkreten Grenzüberschreitungen, sondern auch von langfristigen psychischen und beruflichen Folgen. Nach einer aktuellen Erhebung des Marburger Bundes reagieren Betroffene von Machtmissbrauch häufig mit emotionaler Erschöpfung und anhaltender Anspannung (79 Prozent), verminderter Arbeitsmotivation (74 Prozent) oder dem Wunsch nach einem Wechsel der Abteilung oder Klinik (61 Prozent). 45 Prozent der Befragten gaben sogar an, darüber nachzudenken, die stationäre Versorgung ganz zu verlassen, berichtet das Deutsche Ärzteblatt.
Die Folgen solcher Erfahrungen bleiben dabei nicht auf die unmittelbar Betroffenen beschränkt. Wenn medizinisches Personal Kliniken verlässt, sich innerlich zurückzieht oder dauerhaft erschöpft arbeitet, wirkt sich dies langfristig auch auf Teams, Arbeitsabläufe und die Qualität der Versorgung aus. Angesichts des bestehenden Fachkräftemangels im Gesundheitswesen gewinnen Fragen von Führungskultur und psychologischer Sicherheit zusätzlich an Bedeutung. Auch Konfliktmanagement und eine offene Unternehmenskultur werden zunehmend zu entscheidenden Faktoren für die langfristige Stabilität von Organisationen.
Wenn Schweigen Teil des Systems wird
Besonders problematisch erscheint dabei die hohe Dunkelziffer. Laut Umfrage verzichten rund drei Viertel der Betroffenen darauf, Vorfälle überhaupt zu melden – unter anderem aus Sorge vor beruflichen Nachteilen, fehlendem Vertrauen in Konsequenzen oder weil vertrauliche Meldewege fehlen. Ein Fünftel der Befragten befürchtet zudem, dass ihnen nicht geglaubt wird. Fast die Hälfte fühlt sich unsicher, entsprechende Vorfälle überhaupt anzusprechen.
Für Wittschier machen diese Zahlen deutlich, dass Machtmissbrauch nicht allein als individuelles Fehlverhalten betrachtet werden darf. Vielmehr gehe es auch um Organisationsstrukturen, Kommunikationskultur und den Umgang mit Verantwortung innerhalb hierarchischer Systeme. In stark belasteten Arbeitsumfeldern wie Kliniken könnten fehlende Reflexionsräume und unausgesprochene Abhängigkeiten problematische Dynamiken zusätzlich verstärken. „Organisationen brauchen mehr Räume für Reflexion, Kommunikation und professionellen Umgang mit Konflikten“, sagt Wittschier in Hinblick auf die zunehmende Bedeutung von Führungskräfteentwicklung und Mediation in komplexen Arbeitsumfeldern.
Hinzu kommt, dass selbst gemeldete Vorfälle häufig ohne spürbare Konsequenzen bleiben. Nach Angaben des Marburger Bundes wird in etwa der Hälfte der gemeldeten Fälle keine Maßnahme ergriffen, um die Situation zu klären. Gleichzeitig gab rund die Hälfte der Befragten an, in den vergangenen zwölf Monaten Zeugin oder Zeuge von Machtmissbrauch im Kollegenkreis geworden zu sein. Viele Betroffene und Beobachtende verhielten sich dennoch passiv – häufig aus Angst vor Nachteilen oder persönlichen Konsequenzen.
Vertreterinnen und Vertreter des Marburger Bundes betonten während des Kongresses zudem die Bedeutung klarer Anlaufstellen, transparenter Beschwerdestrukturen und einer offenen Kommunikationskultur. Sensibilisierung dürfe nicht als einmalige Maßnahme verstanden werden, sondern müsse langfristig Teil professioneller Führungsarbeit sein. Auch sexuelle Belästigung bleibt im Klinikalltag ein relevantes Thema. 13 Prozent der Befragten gaben an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate persönlich sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Dabei handelte es sich häufig um sexualbezogene Kommentare, abwertende Bemerkungen oder unerwünschte körperliche Nähe.
Führung braucht Reflexion und Verantwortung
Für Wittschier zeigen die Ergebnisse auch, wie wichtig ein bewusster Umgang mit Macht, Kommunikation und Grenzüberschreitungen in Organisationen geworden ist. „Vertrauen entsteht nicht durch Leitbilder allein“, sagt der langjährig erfahrene Berater und Fachautor. „Entscheidend ist, wie offen Kommunikation tatsächlich gelebt wird – besonders dort, wo Hierarchien und hoher Druck aufeinandertreffen.“ Sensibilisierung, betont Wittschier, sei kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck professioneller Verantwortung. Führungskräfte müssten lernen, Machtstrukturen bewusster wahrzunehmen und Kommunikationsprozesse aktiv zu gestalten. Nur so könne langfristig ein Arbeitsumfeld entstehen, das Vertrauen, Offenheit und psychologische Sicherheit ermögliche.
Die Debatte um Machtmissbrauch in Kliniken ist unangenehm – aber notwendig. Denn nur dort, wo Probleme sichtbar gemacht werden, kann langfristig eine gesunde und verantwortungsvolle Führungskultur entstehen. Insbesondere Coaching für Führungskräfte und eine bewusste Auseinandersetzung mit Unternehmenskultur könnten dazu beitragen, Konflikte frühzeitig sichtbar zu machen und Eskalationen vorzubeugen.
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